Doppelte Ironie in der Ruine

„Purcells Traum von König Artus“ in der St. Pauli Ruine

König Artus steht auf dem Abstellgleis. Noch während er innbrünstig seine Arien schmettert – liebevoll bewundert von der blinden Emmeline –, fegt eine Horde geldgieriger Investoren durch das alte Opernhaus. In Tankred Dorsts bissiger Satire „Purcells Traum von König Artus“, die just am Freitag (27. Juli) in der St. Pauli Ruine Premiere feierte (Foto: PR), wollen sie die Opernruine zu einem profitträchtigen Kaufhaus umgestalten. Mit Bauhelmen auf den glatt frisierten Köpfen rücken sie an, entfalten Baupläne und beratschlagen vor folienverhängten Wänden (Bühne & Kostüm: André Thiemig), was aus dem Gemäuer am besten zu machen wäre. Schon vor dem eigentlichen Beginn des Stückes stolzieren sie wild diskutierend durch die Publikumsreihen – und lassen die Zuschauer so quasi selbstironisch an der Präsenz des Stoffes teilhaben. In den folgenden gut zwei Aufführungsstunden liefern sie sich mit einigen merkwürdigen Gestalten, die sich in dem alten Gemäuer treffen sowie mit Figuren aus Henry Purcells „King Arthur“ einen ironischen Kampf von Künstleridealismus und Kommerzgier. In diesem ist es einzig die blinde Emmeline, gekonnt gespielt von Ingrid Schütze, die das wahre Gute im Menschen zu erkennen vermag – jedenfalls solange sie blind ist.

Basierend auf Purcells (1659-1695) Semi-Opera „King Arthur“ (1691) – in der sich der britische König Artus mit den Sachsen einen erbitterten Kampf um die blinde Prinzessin Emmeline liefert –, versuchen König Artus, dessen Ritter, Merlin und eine Horde merkwürdiger Alltags-Enthusiasten in Tankred Dorsts hintersinnigem Stück, die Opernruine gegen die Profithungrigen zu verteidigen. Der deutsche Dramatiker Dorst (geboren 1925 in Thüringen) ist bekannt für seine zeitkritisch-ironischen Theatersatiren und beschäftigte sich mit dem Artus-Stoff als Utopie einer besseren Welt bereits 1981 in seinem Werk „Merlin oder Das wüste Land“. Im Jahr 2004 wurde sein Stück „Purcells Traum von König Artus“ in Wiesbaden uraufgeführt.

Anstelle von Purcells kriegerischen Angelsachsen setzt Dorst die Investoren als feindliche Eindringlinge in den idealistischen Kulturbetrieb, indem Artus so etwas wie die Leitfigur einnimmt. Mit Umhang und Krone markiert er die von den alten edlen Ritter-Idealen beseelte Welt der Kunst und Fantasie, in der kein Platz für die Berechnung der Moderne ist. Frank Weiland gestaltet die Artus-Figur so gutherzig wie naiv und verleiht ihm so wahrhaft märchenhafte Züge, die dem verbissen-kühlen Konsumwillen des Geschäftsführers Collani (Björn Schröder) nicht nur optisch gegenüberstehen. So trifft der ahnungslose Edelmut des Königs in ironischer Weise gleichsam als „schöner Gedanke der Menschheit“ auf die Gier der Investorengruppe.

Als es in der St. Pauli Ruine dämmert, scheint der Sieg der Investoren jedoch zunächst besiegelt, ihre kühle Profitgier hat die Szene in Anlehnung an Purcells berühmte „Frost-Szene“ eine düstere Eislandschaft verwandelt. Doch „die Liebenden kommen immer zusammen am Ende“, sagt Artus und gewinnt den Kampf um Emmeline und gegen die Investoren, wenn auch knapp.

Das alte Opernhaus bei Dorst wird in der St. Pauli Ruine dabei zum sprichwörtlich bedrohten Theater. Schließlich stand auch die Existenz der seit 13 Jahren von einem gemeinnützigen Verein von Theaterenthusiasten bespielten Kirchruine im Herzen des Dresdner Hechtviertels schon mehrfach zur Disposition. Dank Ausbau und Neueröffnung im Frühjahr 2012 konnte das Ensemble dem eigentlich mit der Abrissbirne endenden Dorst-Stück nun ein versöhnliches Ende setzen. Ob dies auch im Sinne des zeitkritischen Dramatikers Dorst steht, ist fraglich. Abgesehen davon gerät die Pauli-Inszenierung von Regisseur Jörg Berger vor atmosphärischer Kulisse und immer wieder spannungsvoll ergänzt durch Gesänge und die Musik von Henry Purcell und dem amerikanischen Filmkomponisten Basil Poledouris (musikalische Leitung: Yvonne Dominik), jedoch zu einem kunterbunten, ideenreichen, mit schelmischem Witz gespickten Theaterabend, der allein von der teils schlechten Akustik bei den Sprechrollen getrübt wird.

Nicole Czerwinka

 

 

 

elbmargarita.de
28.07.2012
Nicole Czerwinka