Dresdens schönstes Sommertheater gibt es nur noch in dieser Saison unter freiem Himmel. Dann bekommt die Theaterruine St. Pauli ein Dach

Eine komplizierte Freundin voll rauer Schönheit

Da war diese Ruine. Jörg Berger stand vor den alten Backsteingemäuern und wusste: Hier kann etwas Besonderes entstehen. Das war vor über 12 Jahren. Der Regisseur war damals auf der Suche nach einem Ort, an dem er Theater mit Profis und Amateuren machen konnte. Die St. Pauli Kirchruine im Dresdner Hechtviertel wurde nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg immer nur notdürftig gesichert und lag nun brach, wildromantisch und ohne Dach. Der Regisseur Jörg Berger war sofort angetan. Er gründete den Verein Theaterruine e.V., im Sommer 1999 gab es die erste Premiere. Und was entstanden ist, ist in der Tat etwas Besonderes.

Sakrale Atmosphäre

Pro Jahr kommen zwei bis drei Neuinszenierungen hinzu, unterhaltende und ernste Stoffe. Klassiker und Modernes. Gespielt wird in den Sommermonaten fast täglich, unter freiem Himmel sitzen die Zuschauer auf weißen Plastikstühlen. In einem Raum, der an Schönheit seinesgleichen sucht. Die roten Backsteinwände des Kirchenschiffes enden irgendwo da oben, Efeu und Wein ranken hinauf. Die fast sakrale Atmosphäre, die durch den gut erhaltenen Altarraum entsteht, wird gebrochen durch das Raue, Unperfekte. Theater ist hier immer auch ein Spiel mit dem Ort, findet Jörg Berger, „der Dominanz des Baus kann man sich schwer entziehen“. Es sei nicht einfach, das richtige Stück zu finden, an dem auch mal eine Taube über die Bühne flattert. Berger spricht von der Theaterruine wie von einer guten, etwas komplizierten Freundin. Die sich nicht alles gefallen lässt. Die aber, wenn man den richtigen Ton findet, eine besondere Begleiterin wird. Die Theaterruine ist Jörg Bergers ständige Begleiterin. Er ist Intendant, Vereinsvorstand und Hausregisseur in einem. Während des Gesprächs im Büro klingelt das Telefon, kommt die Mitarbeiterin mit einer Frage, muss Berger mit zwei Schauspielern diskutieren, dass sie nicht jetzt, hier, unter lautem Rumoren die Kostüme umpacken. Der Verein TheaterRuine St. Pauli hat über 100 Mitglieder. Es gibt einen relativ festen Stamm an Spielern, der immer wieder bereichert wird durch neue Spielwütige, die mitmachen wollen. Alles ehrenamtlich, versteht sich. Aufnahmebedingungen gibt es keine, aber man sollte wissen, dass man für drei Jahre eingespannt wird - solange läuft in der Regel eine Inszenierung. An die Bühne angegliedert ist der „Salon St. Pauli“ in der Hechtstraße, der Galerie und Vereinsbasis ist, im Hinterhaus gibt es Theater-, Mal-, und Bewegungskurse. Der Verein hat sich im Stadtteil verankert. Wenn auch nicht bei allen Nachbarn – und bei dem Thema senkt sich Jörg Bergers Stimme. Es ist der ständige Stachel im Fleisch, seit Jahren: die Beschwerden der Anwohner. Früher spielten auf der Bühne auch Bands, jetzt dürfen sie nur bis 21 Uhr in der Ruine sein, bloß noch Theater ist erlaubt, nicht zu laut, keine Musik. „Und am besten, man bindet danach den Zuschauern den Mund zu“ sagt Jörg Berger etwas bitter, weil auch dann Beschwerden kämen, wenn sich um kurz nach neun Leute vor der Ruine unterhalten. Die meisten Nachbarn haben keine Probleme damit, aber ein paar bleiben hartnäckig. Das bremse den Enthusiasmus der Freiwilligen enorm. „Ich würde so nicht mehr lange durchhalten“, sagt Jörg Berger. Doch jetzt soll alles anders werden, jetzt bekommt die Theaterruine ein Dach. Durch den Umbau will man dem Lärmproblem entgegenwirken sowie die Ruine vor dem weiteren Verfall schützen. Obwohl in dem Umbau das Eigene des Ortes bewahrt bleiben soll, ist sich Jörg Berger darüber bewusst, dass das Dach einen „Sinnlichkeitsverlust“ mit sich bringen wird. Das Urtümliche, Spröde wird weichen. Doch es gibt keine Alternative. Bevor im August die Bauarbeiten weitergehen, sind noch den ganzen Juli über die schönsten Theaterstücke unter freiem Himmel zu sehen. Im nächsten Jahr eröffnet dann eine völlig neue Theaterruine. Die mit Dach und besserer Bestuhlung, auch ihren Reiz haben wird. Nur die Tauben, die müssen ausziehen.

 

 

SZ
06.07.2011
Johanna Lemke