Auszüge aus der Laudatio zur Ausstellungseröffnung ,,Brücken-Figur" von Eckhard Kempin

3. Kunstnacht im Hechviertel am 10.12.2011, Laudatio von Lilli Vostry

….Einer der hingegen von Farben und Formen nicht genug bekommen kann, ist der Dresdner Maler Eckhard Kempin. Seine Bilder passen in keine Schublade. Der olle Ecke, wie er sich selbst nennt, ist in jedem Bild anders. Dennoch erkennen Sammler und Freunde seine Handschrift wieder mit ihrem vielschichtig beschwingten Formenspiel. Die Vielfalt der Ausdrucksweisen fasziniert und interessiert ihn seit frühester Jugend und spiegelt gleichzeitig die vielen Seelen und Seiten seines Wesens wider. Immer geht es ihm um die Steigerung des Ausdrucks, nennt er als Ziel seines künstlerischen Strebens. Unter dem vieldeutigen Titel ,,Brücken-Figur" zeigt Eckhard Kempin in dieser Ausstellung im Vorder- und Hinterhaus farb- und sinnbildreiche, figürliche und abstrakte Arbeiten aus den 1990 er Jahren bis 2011. Das Symbol der Brücke ist ein gern gebrauchter und viel strapazierter Begriff. Man überbrückt Hindernisse, Langeweile und Zahnlücken. Man schafft sich Brückentage zwischen Arbeit und Urlaub, baut sich gedanklich Brücken, die auch als Gedächtnisstütze helfen, so genannte Eselsbrücken. Als Bauwerk führen Brücken von einem Ufer zum anderen und zwei Pole zusammen. Sie verbinden und polarisieren. Es gibt Brücken der Verständigung und Zeit-Brücken zwischen Gestern und Heute und an der Schwelle eines neuen Jahrtausends. Und nicht zuletzt die Dresdner Brücke-Maler, die als Künstlergruppe anfangs des 20. Jahrhunderts nach neuen Ausdruckswegen suchte und deren expressiver Malweise von Menschen und Natur sich Eckhard Kempin verbunden fühlt. Farbe und Form, reduziert auf das Wesentliche, stehen dabei im Mittelpunkt, die mit ihrer leuchtenden Intensität und archaisch knappen Linien an die Malerei von Naturvölkern erinnern und von ihr inspiriert sind.
Die ersten Brücken-Bilder von Eckhard Kempin entstanden bereits 1999 und befassten sich auch mit dem Wechsel in ein neues Zeitalter. Außerdem hängen in dieser Ausstellung - zu sehen im Saal – zwei symbolträchtige Bilder aus dem Jahr 2007 aus jener Zeit, als die Wogen hochschlugen im heftigen Für und Wider um den Bau der Waldschlösschenbrücke und dem dadurch verlorenen Unesco-Welterbetitel, der die einmalige Kulturlandschaft im Dresdner Elbtal gerade vor solch einschneidenden Eingriffen in die Natur bewahren sollte. Da mischen sich Malerei und Fotocollage, die den unmittelbaren Eindruck verstärkt, auf einer großformatigen Ansicht der Dresdner Altstadt-Shilhouette, die buchstäblich Kopf steht, gespiegelt im Elbestrom unter der schwarzen Brückenlinie.
Davor sind die Gegner und Befürworter der Brücke im Rathaus dargestellt, wie sie gefochten haben wie Raubritter mit Schwertern, die sich gegenseitig duellieren. Es ist ein Bild der Stadt wie sie bisher aussah und was ihr bald blühen könnte - endlose Autokolonnen im Stau und parkende Autos am Elbufer, wo man bisher lauschig unter Bäumen spazierte und gemütlich beim Picknick beisammen saß. Ein anderes Bild trägt den Titel ,,Betonköpfe" und zeigt maskengleiche Gesichter unterhalb der Brückenpfeiler vor einer weithin kahlen Fläche. Die verwendeten Fotos in seinen Collagen machte Eckhard Kempin selbst vor Ort, als der Brückenstreit noch tobte. Er wohnt nicht weit entfernt von der Baustelle der Waldschlösschenbrücke und kommt täglich unvermeidlich mit dem Rad daran vorbei. So dass er gar nicht anders konnte, als sich mit dem Geschehen auseinander zu setzen und sich mit seinen Brücken-Bildern sichtbar einzumischen. Sie waren auch bereits in der großen Kunstausstellung über die Landschaft am Elbbogen 2008 im Lingnerschloss zu sehen.
Wie seine Bilder ist auch Eckhard Kempin eigensinnig, unbequem und voller Tatendrang. Ein lebhafter Künstler und schrulliger Kauz mit markantem Rauschebart, der oft einen sinnigen oder ulkigen Spruch auf den Lippen hat, dem sein herzhaftes Gelächter hinterher folgt und jeder Spruch enthält immer eine Prise Wahrheit. Er ist ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit, der Geselligkeit liebt und immer die Diskussion und den Austausch mit Künstlerkollegen, Literaten und Musikern sucht in beiderseitigem Geben und Nehmen. …
…Der Malduktus geht vom dicken Farbauftrag und Spachteln bis zu dünnen lasierenden Farbschwüngen, die durch den weißen Hintergrund hindurch scheinen und leuchten. Er weiß nie, in welche Richtung ein Bild geht, sagt Eckhard Kempin.
Mit dem Tun entwickelt es sich. Das ist für ihn der Reiz und die Herausforderung in der Kunst. Es fließen auch tiefgehende Erlebnisse und persönliche Grenzerfahrungen zwischen Leben und Tod, im Hier und Jenseits, unbewusst in seine Bildwelt ein, die oft auch etwas Rätselhaftes umgibt. Altern aktiv lautet das Motto von Eckhard Kempin in seinem nunmehr 70. Lebensjahr. Inzwischen sieht er die Lebensdinge gelassener, ist aber immer noch spontan und impulsiv. Er malt noch mehr als früher und gegen die Zeit, sagt er. Da die biologische Uhr tickt und weil er noch so viele Ideen habe. Neben seiner unerschütterlichen Schaffensfreude ist er außerdem ein unverbesserlicher Optimist. Seit acht Jahren betreibt er jetzt das KunstKabinett Kempin in Radebeul als Wochenendgalerie, wo andere Künstler ausstellen, Lesungen und Musik zu erleben sind. Bereits drei Mal ist er mit seinem KunstKabinett umgezogen und nun sucht er wieder einen neuen Ort, da der Vermieter die derzeitigen Räume zu Wohnzwecken sanieren möchte. Wenn also jemand einen neuen günstigen Galerieort in Dresden und Umgebung weiß, sei er sofort dabei, versichert Kempin mit dem ihm eigenen Elan. Derzeit sichtet und erfasst er digital sein umfangreiches künstlerisches Lebenswerk. Das Werksverzeichnis soll zusammen mit seiner Autobiographie, die er derzeit schreibt, erscheinen. In den 1960er Jahren ist er inzwischen angekommen. Eine Kostprobe aus den noch, unveröffentlichten Aufzeichnungen von Eckhard Kempin wird heute Abend noch gelesen von dem Schauspieler Frank Weiland zu hören sein. Im Saal werden zudem Videofilme zum Leben und Werk Eckhard Kempins gezeigt. Er malt weiter emsig Bilder, auch wenn es dadurch noch länger dauert mit dem Werksverzeichnis und dem Buch, für dessen Druck er allerdings noch Förderer und Sponsoren sucht. Er kann einfach nicht anders. Malen ist mein Lebenselexier, sagt Eckhard Kempin und lacht schelmisch. Und schon ist er wieder bei seinem geliebten Sprüche klopfen, bei dem absurder Wortwitz, Provozierfreude und ein heller wacher Geist gepaart mit reichlich Lebenserfahrung einhergehen und die ich Ihnen /Euch nicht vorenthalten möchte. Hier ein paar seiner jüngsten, schmunzelnd aufmunternden Verse über die Kunst und das Leben, über Brücken und Glück.

,,Kunst und Leben sind einem nur einmal gegeben.
Deshalb wende sie so an, dass du sagen kannst:
Erst waren die anderen, jetzt bist du dran."

,,Manche Brücken brauchen Pfeiler.
Andere Brücken brauchen Krücken."

,,Immer vorwärts, niemals zurück.
Dann holst du nie ein dein Glück!"

Und jetzt die optimistische Variante:
,,Immer vorwärts, niemals zurück.
Dann überholt dich auch nie dein Glück!"
Lilli Vostry

 

 

 


10.12.2011
Lilli Vostry