Improvisierte Julia lässt Schüler jubeln
Die Klasse 9b erlebt das Stück ,,Der Campiello" in einer Kirchenruine - und wird Teil eines Improvisationstheaters

Von Regina Käfler, Andreas Schlegel und Alexandra Wagmann

Dresden. Eine alte Kirche. Die Decke seit vielen Jahren eingestürzt, Efeu rankt an den Wänden empor und im vorderen Bereich ist ein Steinbrocken zu erkennen, der vor langer Zeit einmal der Altar gewesen sein könnte. In der Mitte steht eine Frau, vor ihr sind viele Menschen versammelt. ,,Ein Schwert!", ruft sie. ,,Einen Dolch!" Nach einer Pause des Schweigens wird ihr Wunsch erfüllt - sie bekommt eine Klinge. In einer epischen Pose stellt sich die Dame vor die Menschenmenge, richtet die Waffe auf ihre Brust und - sticht zu. Bricht in die Knie. Alle schauen gebannt zu, niemand rührt sich, keiner eilt ihr zu Hilfe. Doch dann richtet sie sich wieder auf und entscheidet sich, die Nagelfeile, die zuvor zwischen rechtem Oberarm und Oberkörper steckte, doch lieber auf der anderen Seite festzuklemmen. Erneut bricht sie zusammen, steht auf, ein dramatischer Blick, dann fällt sie wieder zu Boden.
Die Zuschauer können sich vor Lachen kaum noch halten, denn es handelt sich bei diesem Geschehen um das Theaterstück,,Der Campiello" von Carlo Goldoni und in dieser Szene wird Shakespeares Julia und ihr Tod parodiert.

Wie eine Kirche zur Kulisse wird

Doch auch, wenn der Dolch nur eine Nagelfeile und der Tod gespielt ist, ist die Ruine nicht nur Kulisse, sondern real. Denn aufgrund eines Luftangriffes wurde die ehemalige Kirche gegen Ende des Zweiten Weltkriegs stark beschädigt und in den 60er Jahren teilsaniert. Da die Kirche nicht wieder komplett aufgebaut wurde, herrscht dort eine unglaublich verwahrloste, fast schon romantische Atmosphäre. Genau davon profitierte eine Gruppe Laiendarsteller und gründete im Jahre 1999 in der ehemaligen Kirche den Verein,,Theaterruine St. Pauli", der mittlerweile aus ungefähr 100 Mitgliedern besteht. Diese Gruppe führt nun Stücke von Shakespeare, Moliere und Co. auf höchstem Niveau auf.
Eines dieser mitreißenden Stücke durften wir, die Schüler der 9. Jahrgangsstufe des Wilhelm-Diess-Gymnasiums Pocking, am 7. Juli im Rahmen unserer Klassenfahrt live erleben. Die Premiere von ,,Campiello" fand erst zwei Tage später statt - wir hatten die besondere Ehre, bei der Generalprobe Gast zu sein. Dies hat man auch gleich am Anfang gemerkt: Als wir die Ruine betraten, waren die Schauspieler schon in die Darbietung vertieft. jedoch ohne Kostüme - Verwirrung machten sich breit. Diese löste der Regisseur Jörg Berger mit einem lauten ,,Stopp!" auf: ,,Wir machen die Szene noch mal." Alles klar, es wurde nur ein Part geübt.
Nach einer kurzen Pause und einer Begrüßung durch Regisseur Berger begann dann das eigentliche Stück ,,Der Campiello". Ein heruntergekommener Platz in einem Armenviertel mitten in Venedig. Dort leben unter anderem zwei Frauen, deren Primäres Ziel es ist, ihre Töchter unter die Haube zu bringen, um sich selbst wieder einen Mann zu angeln.
Ein reicher Neuankömmling bringt zusätzliche Unruhe in das Viertel, da er beiden Töchtern durch die Mütter Verlobungsringe zukommen lässt, welche diese jedoch behalten. Währenddessen herrscht Liebeschaos bei den jungen Bewohnern, zum Beispiel kriselt es einerseits bei den Verlobten, aber andererseits entflammt die Liebe und Leidenschaft auch bei den anderen Charakteren. Am Ende löst ein verrückter Mitbewohner alles auf, der angeblich reiche Fremde entpuppt sich als verarmter Adliger und jeder Topf findet seinen Deckel.Stark aufgelockert wurde das Stück durch hohe Improvisationskünste. So zum Beispiel war die allererste Szene die Vorbereitung für eine Verlosung, für die Gegensstände aus dem Publikum ausgeliehen wurden. Un so wurde aus Fußballtröte, Taschentuch und Nagelfeile schnell ein Alarmhorn aus dem Vatikan, reinste Seide und der Dolch, mit dem Caesar erstochen wurde.

Schüler werden ein Teil eines Stückes

Ein weitere wichtiger Aspekt war das Einbeziehen des Publikums in das Stück: Ein Schüler wurde zur Leiche Romeos mit dem Giftglas in der Hand, die Darsteller eilten durch die Reihen, eine Schülerin wurde fast von einer (requirierten) Bratpfanne erschlagen und eine andere durfte einem Schauspieler als Stuhl dienen.
Alles in allem war ,,Der Campiello" ein ganz besonderes Erlebnis. Wer eines Tages nach Dresden kommt, sollte es auf gar keinen Fall verpassen, eine Aufführung der turbulenten Schauspielgruppe in der St. Pauli-Ruine, die ihrem Motto,,Die ganze Welt ist Bühne" in nichts nachtsteht, zu besuchen.

 

 

Pocking/Bad Füssing
29.07.2010
Schüler des Wilhelm-Diess-Gymnasiums