Hamlet unter freiem Himmel

"Sein oder nicht sein, das ist die Frage" - ein junger Mann, schwarz gekleidet, spricht diese Worte und stürzt von dannen. Ich bin mittendrin im wilden Treiben des uralten Shakespeare-Stücks. An mir vorbei rennt der Geist des toten Vaters. Mord und Totschlag um mich herum. Ich bin in der St. Pauli Ruine im Hechtviertel. Das sonnige Wetter hatte mich gelockt und die Ahnung, dass es bald die letzte Veranstaltung hier unter freiem Himmel sein könnte. Denn die Ruine soll ein Dach bekommen. Bereits in diesem Herbst sollen die ersten Arbeiten beginnen und bis 2012 soll dann ein gläsernes Dach die Spielstätte vor Regen und die Nachbarschaft vor Geräuschbelästigung schützen.

Geräuschbelästigung, so ein Quatsch, das hier ist Kunst. Gerade schreien wild kostümierte Krieger durcheinander. Auch sie haben den Geist des toten Vaters gesehen. Das Publikum schmunzelt und kichert und wird von den Darstellern immer mal gern mit einbezogen. Die Ruine bietet tolle Möglichkeiten. Es ist immer wieder überraschend an welchen Stellen die Schauspieler auftauchen. Drehsessel wären angebracht. Dann ist Pause und ich stelle fest, dass es im hinteren Bereich auch Tische und Stühle und sogar Aschenbecher gibt. lm Theater rauchen, wo geht das schon noch. Seit 1999 spielt der "Theater Ruine St. Pauli e.V." auf diese herrlichen Bühne. Das Gebäude, von 1889 bis 1891 erbaut, wurde im 2. Weltkrieg stark zerstört. Seit den 90er Jahren ist es als Ruine wieder begehbar. 2005 musste das Gemäuer gesperrt werden mit Unterstützung der Stadt konnte die Ruine soweit gesichert werden, dass der Spielbetrieb fortgeführt wird. Mit dem Glasdach für insgesamt 2,6 Millionen soll die Kirchenruine dauerhaft als Spielstätte für Theater und Konzerte erhalten bleiben.
Das Stück endet dramatisch. König, Königin, Hamlet, Laertes, Ophelia – alle sind tot. Das Publikum klatscht in die Hände. Erst später erfahre ich, dass hier Laien und Profischauspieler zusammen arbeiten. Eine tolle Leistung, da muss ich diesen Sommer unbedingt noch einmal hin.


 

 

 

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01.07.2010
von Anton Launer