Der Wettlauf um das Huhn Susanne
,,Figaros Hochzeit" als fantasievolle Geschichte in eindrucksvoller Ruine

Von Thessa Wolf

,,Sind denn alle Narren dieser Welt gegen meine Hochzeit ausgelassen?", fragt Figaro und bekommt eine zweistündig gespielte Antwort darauf. Vielleicht nicht alle Narren dieser Welt, aber doch einige begabte Laien aus Dresden hatten sich zum Saisonauftakt unter der Regie von Jörg Berger des Theaterstückes angenommen, welches vor allem mit seiner späteren Bearbeitung als Oper zu Ruhm gekommen ist: ,,Figaros Hochzeit". Doch die Leute vom Verein Theaterruine St. Pauli zeigten, dass das Lustspiel von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais auch ohne die bekannte Musik ein abendfüllendes Vergnügen sein kann - vorausgesetzt man sitzt richtig.

Das größte Plus des Abends ist die Spielfreude der Darsteller, die ohne große Technik und Effekte, dafür aber mit viel Lust und Fantasie einen besonderen Raum theatergerecht füllen. Ihre Bühne ist die St. Pauli Ruine im Hechtviertel, eindrucksvoll mit dem bloßen Gemäuer und der klaffenden Weite des Himmelsdaches - ein weiteres Plus, welches sich jedoch schnell zum Minus kehren kann. Denn nicht alle Zuschauer erleben das akustisch komplette Vergnügen des Abends. An manch einem rauscht das Stimmengewirr und damit auch die Geschichte einfach vorbei. Die in den offenen Raum geworfenen Sätze werden schier von ihm verschluckt, noch bevor sie in den hinteren Reihen angekommen sind. Das ist schade, denn die lnszenierung selbst punktet mit einem Einfallsreichtum, den man gern einem bis in die hintersten Reihen besetzten Theater empfehlen möchte.


Da wird verwechselt und getrickst in diesem heiteren Sommerstück. Da geifern und wetteifern die Frauen, protzen und klotzen die Männer. Alles dreht sich natürlich um Figaros geplante Hochzeit. Der Diener will Kammermädchen Susanne ehelichen, auf die allerdings auch sein Dienstherr ein Auge geworfen hat. Ebenso ist der Page in Susanne verliebt- so wie in alle anderen Frauen am Hof auch, vorzugsweise sogar in die Gräfin. Die ihrerseits ahnt die Begehrlichkeiten ihres Mannes, des Grafen, für Susanne. So turbulent wie die Geschichte ist auch ihre Aufführung – ein Kommen und Gehen und Rennen durch die Stuhlreihen. Mitunter hat man das Gefühl, in einen Wettlauf geraten zu sein.


Der Schein trügt nicht ganz, denn Graf und Figaro, Page und Haushälterin Marzelline, Gräfin und Susanne wettlaufen für beziehungsweise gegen die Hochzeit, für oder gegen Untreue, Eifersucht und Misstrauen, dass es ein Spaß ist. Kathleen Mai hat sie allesamt in Kostüme gesteckt, die in leichter Anspielung auf tierische Eigenschaften schließen lassen: der Graf als Stier, Figaro als Fuchs, der Page als Hase und das ,,Huhn Susanne".

Während Holger Tempels seinem Stier prägnant selbst die Hörner aufsetzt, bleibt Tobias Schmidt als Figaro etwas blass. Beeindruckender sind die Frauen - Ilka Knigge als Gräfin und Ingrid.Schütze als Susanne können es mit jedem ..Berufsschauspieler" aufnehmen. Der Page, seit jeher als Frauenrolle angelegt, auch, um den Dialogen etwas von ihrer Vulgarität zu nehmen, ist mit Yvonne Dominik hervorragend besetzt.


 

 

Dresdner Akzente
21.05.2010
von Tessa Wolf