Alles ist möglich

,,Figaros Hochzeit" als frivoles Sommertheater

Pierre Augustin Caron de Beaumarchais hätte sein Theaterstück ,,Figaros Hochzeit" locker auch ,,Bäumchen wechsle dich" nennen können. Denn wenn man versucht, die miteinander verkehrenden Charaktere einmal mit Linien zu verbinden, entsteht ein dichtes Netz aus sexueller Begierde und Intrigen. Hier will fast jeder mit jemandem und gern aus einem anderen Stand. Ob Graf oder Page, sie alle laufen mit erhöhtem Liebesbedarf über die Bühne der St. Pauli-Ruine. Nach zwei Stunden allerdings sind alle Pärchen richtig sortiert, eine Familie wieder zusammengeführt und die Menschen glücklich singend vereint. ,,ln Komödien ist alles möglich", spricht Figaro, mehr zum Publikum als zu seinem Gegenüber. Man ist also gewarnt.

Die Inszenierung von St. Pauli-Vereinschef Jörg Berger hält sich nah ans Wiener Original aus dem Jahr 1778 und wirkt damit erst einmal furchtbar aufgesetzt und gegenwartsfern. Wie klassisches Burgtheater eben: das Gesprochene und die Gestik so groß wie die Röcke der Damen am Hof und so grob gepudert wie die Gesichter des Adels. Subtilität wurde erst später erfunden. Wir befinden uns ein paar Tage, vielleicht auch Monate oder Jahre vor der Französischen Revolution, vermutlich immer noch in de Beaumarchais' Sevilla, am Tag der Hochzeit des Kammerdieners Figaro (Tobias Schmidt), der sein ,,Susannchen" (lngrid Schütze) zum Altar führen möchte. Nicht gutheißen können das der Graf Almaviva (überzeugend unüberzeugt: Holger Tempels), seine von ihm nur noch wenig angebetete Gattin (Ilka Knigge), die Haushälterin Marzelline (Britta Andreas) und auch der Page Cherubin (in klassischer Hosenrolle: Yvonne Dominik). Das Wechselspiel beginnt.

Die Kostüme (Kathleen Mai) variieren zwischen Historie und Clownerie. So stolziert der Graf in Fuchsrevers mit Wackelaugen über seinen Hof, der sich von der Bühne durchs Publikum bis zum Ausgang zieht. Wohl als Analogie gemeint, trägt er zwei Bullenhörner auf dem Kopf. So wird er vom sich die Hörner abstoßenden zum gehörnten Ehemann, während seine Gräfin gemeinsam mit ihrer Zofe eine List ersinnt, um das höfische Beziehungsgewirr aufzulösen. Bis das geschieht, grabschen die Männer ein paar Mal zu oft und fallen die Frauen etwas zu häufig ihren Gefühlen anheim. Doch auch wer mit der Thematik der vor sich hinlüsternden Adelsgesellschaft nichts anfangen kann, sollte sich fragen, warum das Stück nach all der Zeit noch gespielt wird. Sexuelle Doppeldeutigkeiten, selbst wenig feinsinnige, verkaufen sich immer noch hervorragend.

Es herrschte eine fröhliche Stimmung auf und vor der Bühne. Die Schauspieler, allesamt Laien, schlugen sich gut. Ihre Spielfreude war nicht zu übersehen und wurde durch gelegentliches Augenzwinkern ins Publikum bekräftigt. So ist es vielleicht nicht der Inhalt, sondern die mitschwingende Einstellung, die ,,Figaros Hochzeit" zu einer erfolgreichen Abendunterhaltung macht.

Juliane Hanka


 

 

Dresdner Neueste Nachrichten
10. Mai 2010
von Juliane Hanka