Theaterschiff im Sturm
Kirchenruine St* Pauli als Sommerbühne etabliert

Leichter Sturm blies über Parkett und Spielfläche, blähte die Segelattrappen des strandenden Schiffs auf der offenen Bühne der Theaterruine St. Pauli im Hechtviertel der Dresdner Neustadt. Publikum und Spieler hatten durchgehalten, Jörg Berger konnte zufrieden sein. Gut 200 Zuschauer waren trotz mäßigen Wetters gekommen und hatten die Premiere von Shakespeares ,Sturm' begeistert aufgenommen. Die 14. Inszenierung seit Gründung der Theaterruine St. Pauli wurde zum Erfolgsstück in der Spielzeit 2007.

Berger, Theaterleiter und Regisseur der meisten Inszenierungen, kam von der Studentenbühne der Technischen Universität. Den studierten Beruf Hydrologie hat der 45-Jährige für seine Leidenschaft Theatermachen längst an den Nagel gehängt. Seit 1992 inszeniert er als freischaffender Regisseur. Vor neun Jahren gründete sich der Verein Theaterruine St. Pauli e.V. Für den mythologischen Stoff Herkules und der Stall des Augias von Dürrenmatt kam ein zusammengewürfeltes Laienensemble in die offene Ruine, die von der früheren St. Pauli Kirche übrig geblieben war, zugig und damals noch bar jeder Ausstattung fürs Spiel. Nur für das eine Stück mit wenigen Aufführungen sollte es dort sein, erinnert sich Berger. Sie blieben. In diesem Jahr werden zwei Neuinszenierungen und vier Übernahmen aus der vorhergehenden Spielzeit gegeben. Saison ist Mai bis September in der gemieteten Ruine.

Im Winter-Salon, den sich der Verein eingerichtet hat, wird geprobt und mit kleineren Veranstaltungen und Lesungen auch außerhalb der Saison der Spiellust gefrönt. Inzwischen ist es nicht mehr schwer, Rollen zu besetzen und idealistische Mitmacher für die Theaterdienste um die Bühne zu gewinnen. Mehr als 30 Helfer sind es, von 14 bis 60 Jahre alt. Die Rollen aller Stücke dieser Saison sind mit 75 Spielern besetzt. Es sind nicht mehr nur Laien aus vielerlei Berufen, Studenten, auch Professionelle sind dabei, eine Tänzerin, Musiker, angehende Schauspieler. Sie spielen ohne Entgelt, Lebensunterhalt bietet das Theater inzwischen Vieren.
Öffentliche Förderung erfährt der Hobbytheater-Verein minimal. Es sei schon schwierig, die Ausstattungs- und Grundkosten je Inszenierung etwa 15.000 Euro, einzuspielen. Wetterglück von oben und Spielerfolg braucht es dazu. Der spricht sich herum, bei einem Publikum, das immer mehr auch von weither kommt. Und Auszeichnungen gab es, darunter einen Sächsischen Amateurtheater-Preis 2007' für die Inszenierung von Goethes Zauberflöte Zweiter Teil. Der Laudatio Begründung „... für eine Fülle von Einfällen, leidenschaftliche Spielfreude auf sehr hohem Niveau, spektakulären inszenatorischen Zugriff, diesen unbekannten Goethetext in Verbindung mit Mozarts Musik in das Ambiente der Theaterruine zu fügen". Denn Spielfläche ist oft die ganze Ruine zwischen Bühne in der Apsis, Empore, Turm.

Mit dem Sturm wird die Saison 2008 am 2. Mai angeblasen. Es hat sich herumgesprochen: An diesem reizvollen Ort ist Unterhaltung zu erleben, die wunderbar passt zu lauen Sommerabenden. So mancher Klassiker hat dort den Weg zu jenen gefunden, die sonst nie ins Theater gehen.

Peter Bäumler


St. Pauli Ruine
Königsbrücker Platz, 01097 Dresden Spielplan und Karten Tel.: 03 51-2 72 14 44, www.theaterruine.de
Der Sturm, W. Shakespeare; neuinszeniert: Don Gil von den Grünen Hosen, Tirso de Molina; ,Don Jüan', Moliere; Goethes Zauberflöte, J,W. Goethe; neuinszeniert: Hamlet, W. Shakespeare, Ball der Diebe
Jean Anouilh; Gastspiele und Konzerte ...

 

Top Dresden Ausgabe 1/ Frühjahr 2008

Windsbräute blasen den "Sturm" - die Inszenierung war das Erfolgsstück des Jahres 2007