Höchststrafe Ehe

Famose Verwechslungskomödie „Don Gil von den grünen Hosen" in der Theaterruine St. Pauli

Als in dem Monty-Python-Ulkfilm „Das Leben des Brian" diverse jüdische „Aufrührer" (jedenfalls aus Sicht der römischen Besatzer) am Kreuz hängen, ein gewisser Brian aber freigelassen werden soll, ruft einer der Delinquenten als der echte Brian gerade abgelenkt ist, bekanntlich „Ich bin Brian!", woraufhin ein anderer „Nein, ich bin Brian!" behauptet und schließlich ein " dritter gar verkündet: „Nein, ich bin Brian, und meine Frau ist auch Brian!" Ein ähnliches Problem hat der Diener namens Tristan in der Verwechslungskomödie „Don Gil von den grünen Hosen", das in das Spanien des 17. Jahrhunderts entführt und mit dem das Ensemble der St. Pauli Ruine die diesjährige Freiluftsaison eröffnet.

Verfasst hat das Werk ein gewisser Tirso de Molina, von dem nicht viel bekannt, selbst das Geburtsdatum umstritten ist. Am 4. November 1600 trat er in den Orden der Mercedarier in Toledo ein, wo er sechs Jahre später zürn Priester geweiht wurde. Er schrieb zahlreiche Stücke, wurde 1625 aber deshalb von der so genannten „Junta de Reformación de las Costumbres" (etwa: Sittenreformkommission) auch ermahnt, weil es nicht statthaft war, dass sich ein Ordensmann in seinen literarischen Werken weltlichen Themen widmet. Immer wieder wurde er versetzt, schrieb aber munter weiter. Und so gehört Tirso de Molina mit Lupe de Vega und Pedro Calderón de la Barca zu den wichtigsten Dramatikern Spaniens, jenes Landes, von dem hierzulande auch nicht viel mehr bekannt ist, als dass seine Einwohner deutsche Siedlungsgebiete wie Mallorca oder Teneriffa besetzt halten, sie des abends gern mit Stieren kämpfen, den Nachmittag hingegen mit der Siesta verplempern.

Molinas literarisches Werk umfasste nach seinen eigenen Aussagen mehr als 400 geistliche und weltliche Stücke, von denen aber nur noch etwa 80 überliefert sind, darunter zum Glück auch „Don Gil mit den grünen Hosen". Um es vorwegzunehmen - es ist ein kurzweiliger Sommerspaß, den Regisseur Jörg Berger und seine Truppe ausgegraben und als herrlich schräge Klamotte mit viel Witz und spanischem Feuer zur Aufführung gebracht haben. Hier stimmt fast alles. Das fängt mit der Ausstattung und den Kostümen (Kathleen Mai) sowie den von Volker Schubert auf der Gitarre dargebrachten spanischen Klängen an und hört mit dem virtuosen, mitreißenden Spiel der alles in allem 16 Akteure auf. Was die Darsteller selbst aus scheinbaren Nebenrollen mimisch oder sprachlich herausholen, das hat Witz, verbreitet im Nu gute Laune, ist beste Unterhaltung, auch weil es bei aller Übertreibung in mancherlei Hinsicht leider durchaus wie im richtigen Leben zugeht: gefoppt und gemobbt, gebalzt und gesülzt, geküsst und gekämpft wird. Geschickt wird mal wieder das Kirchenschiff gut ausgenützt, wird sich hier und da unter die Zuschauer gemischt.

Anke Pokorny-Kropp ist Doña Juana, die ihrem sprunghaften Geliebten Don Martin (Jan Dietl) von Valladoid nach Madrid nachreist, weil der des schnöden Geldes wegen eine andere freien will. Sie will, entehrt, wie sie ist, Rache! Als gerechte Form der Strafe für Don Martin empfindet sie die Ehe - mit ihr. Um ihr Ziel zu erreichen, führt sie ein Doppelleben, ist mal Elvira, dann wieder Don Gil, was angeblich ein Name für einen Schneider oder Pastetenbäcker, aber doch nicht für einen Ritter ist. „Don Gil", das wäre im Deutschen in etwa ein von Schulze. Bald weiß nur Tristan (Jens Ottersberg), der im Laufe des Abends grob geschätzt eine ganze zu Wurst verarbeitete Kuhherde verdrückt und seinen Herrn schon mal mit „Mein süßer grüner Zwitter" anredet, nicht, wer- wer ist. Die Crocodile-Dun-dee-Methode zur definitiven Klärung des Geschlechts (im Fall des Zweifels, ein entschiedener Griff in den Schritt) schickte sich damals einfach nicht.
Zeitweise sind es vier Personen, Frauen wie Männer, die unter dem Balkon der reichen Doña Inés [ganz famos: Tanja Müller) einen auf Don Gil mit den grünen Hosen machen, vorzugsweise, weil einmal mehr der berühmte spanische Stolz verletzt wurde. Wenn überhaupt, dann sind die Frauen die starken Charaktere. „Nur ein Weib kann solch ein fürchterliches Durcheinander schaffen", lässt Molina seine Hauptheldin Doña Juana, die das Verwirrspiel mit all seinen Täuschungsmanövern und Intrigen einfädelte, folglich auch am Ende, bei dem es gleich für drei Paare ein Happy End gibt, sagen.
Die Männer: Allesamt eitle, stolze, tumbe, letztlich jämmerliche Gecken und Stutzer - so lächerlich werden Spanier noch nicht mal in angelsächsischen Piratenfilmen dargestellt. Am Ende steht Doña Elvira wieder im Rock vor ihrem geliebten Schatz, aber im übertragenen Sinne wird sie die Hosen anbehalten, denn nur so wird, wie Molina ihr als Schlusssatz in den Mund legt, die Ehe wirklich glücklich. Tja, die Hose macht den Mann längst nicht mehr, wer wüsste dies nicht besser als die Frauen?

Christian Ruf

 

 

Dresdner Neueste Nachrichten 09.05.08


Foto: Jörg Berger