Der Prinz von Dänemark war kein Kostverächter
In der St. Pauli-Kirchruine hatte Shakespeares „Hamlet" Premiere - Sogar der Gleichschritt wurde geprobt

Von Christian Ruf
Wenn es ein Versuchsballon war, dann ist die Sache geplatzt. Gegen Polen hatte es
gehen sollen. Ohne Poldi und Schweini. Mehr so wie in schlechten alten Zeiten, im gleichen Schritt und Tritt, im Links-Zwo-Drei-Vier-Rhythmus. Aber den Deutschen liegt das Militärische einfach nicht mehr im Blut. So mancher Spieß hätte geheult ob des jämmerlichen Schauspiels, das am Freitag im St. Pauli-Theater zu beobachten war. „Saubande“ kommentierte denn auch der als Schleifer scheiternde, sonst in seinen Rollen als Geist von Hamlets Vater sowie Totengräber so grandios aufspielende Olaf Nilsson das lahme Engagement - der Zuschauer.

Ansonsten war es zum Glück nicht so jämmerlich, was da mit anzusehen war. Es machte Spaß zu verfolgen, wie das Ensemble der St. Pauli Ruine unter der Regie von Jörg Berger William Shakespeares Klassiker „Hamlet" zu neuem Leben erweckte, über dessen Titelhelden und sein Handeln der begeisterte Goethe meinte: „ ... eine große Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist..."

Björn Schröder gibt diesen dänischen Prinzensohn, der sich berufen glaubt, die Dinge in einer aus den Fugen geratenen Zeit zurechtzurücken -wohl deshalb auch wird Hamlet im immer noch häufig von seiner romantischen Tradition geprägten Deutschland gern als sensible, intellektualisierte Gestalt gegeben. Der Prinz ist das Lieblingsspiegelbild vieler Intellektueller, die sich sicher sind, dass nicht nur im Staate Dänemark etwas faul ist, denen es aber letztendlich wie Hamlet ergeht: Mal steht das Gefühl, mal das Gewissen, mal das Denken im Weg. Auch Schneider hat seine besten Momente, wenn er sich bei dieser Produktion des Vereins Theaterruine St. Pauli über Moral und Berechnung, Macht und Unterwerfung, Liebe und Tod pathetisch gibt.

Es ist nur selten ein Abend der leisen Töne. Dominierend sind die schrillen Effekte, was in Ordnung geht, schließlich ist ein Kirchenschiff zu bespielen und akustisch zu füllen, wird das Drama als Sommerspektakel gegeben, bei dem bei aller Belehrung in diesem wahnwitzigen und mörderischen Spiel um Rache und Intrigen die Unterhaltung nicht zu kurz kommen soll. Es sind auch weniger die tragischen als vielmehr die komischen Momente, die im Gedächtnis haften bleiben.

Da ist etwa der Auftritt von Güldenstem und Rosenkranz. In dieser kurzweiligen Inszenierung sind es keine intriganten Hofschranzen, die für den Brudermörder und (deshalb neuen) König Claudius (sehr überzeugend: Frank Weiland, der auf Plateausohlen
steht, was zeigt, dass da einer größer sein will, als er ist) Spitzeldienste verrichten, sondern zwei Frauen (Gabi Nagel und Sandra Hartwig}. Diese tragen zwar die Amtsbezeichnung „Hofdame", erinnern in Aussehen und Gebaren aber eher an Prostituierte, deren bessere Tage schon verdammt lange zurückliegen und die von Hamlet, als sie sich von hinten an ihn heranschleichen und ihm die Augen zuhalten, mit geübtem Griff an Form und Volumen des Hinterns erkannt werden - was deutlich macht, dass der Prinz, der die ihn Hebende Ophelia (Judith Hellmann} verstoßen und ins Unglück stürzen wird, kein Kostverächter war, was fleischliche Genüsse anging. Bei dieser unfrommen Lesart verwundert es dann schon fast, dass Regisseur Berger und seine Mannschaft Hamlet dann konventionell Ophelia raten lassen, in ein Kloster zu gehen - das englische „nunnery" im Shakespearischen Original lässt sich, der Kontext gibt das her, auch mit „Bordell" übersetzen.

Definitiv Höchstarbeit hatte die Maske auch bei Olaf Nilsson zu leisten. Wenn der als Geist von Hamlets Vater wie ein Untoter auseinschlägigen B-Movies heulend und blutverschmiert durch die Zuschauerreihen zur Bühne und wieder zurück schleicht und stolpert, dann versteht man, weshalb die zahlreichen Wachen, bei denen schon die schrägen Uniformen verraten (Ausstattung: Kathleen Mai), dass sie nicht gerade einer Elitetruppe zugerechnet werden können, so vor Angst schlottern. Einen weiteren sehenswerten Auftritt hat Nilsson dann zusammen mit Karl Weber (er ist auch der Hofmarschall Polonius) in der Totengräber-Szene, in der mit (Holz-)Schädeln geworfen wird wie sonst mit Kugeln beim Boccia-Spiel.

Nicht so überzeugend ist der Einfall, ständig übermannsgroße, bemalte und beschriftete Bretter in immer neuen Kombinationen ständig neu aufzubauen und diese „Bretterwände" dann wieder einzureißen. Der Effekt schleift sich rasch ab. Am .Ende gibt's in bewährter Skakespeare'scher Historiendramen-Manie das obligatorische Blutbad, so dass Fortinbras, der Prinz von Norwegen, der nach Verfall eines Staates und Selbstauslöschung einer Familie sich den vakant gewordenen dänischen Thron unter den Nagel reißen kann, ausruft; „0 stolzer Tod, was für ein Festmahl!" Von dem vorher aufgetischten Festmahl an Spielfreude und -kultur angetan und mit entsprechend Beifall bedacht, ging es für die Zuschauer auf den Heimweg. Und zwar eindeutig nicht im Gleichschritt!


 


 

 

 

Dresdner Neuste Nachrichten Juni .2008

 

 

 

Die HofdamenGüldenstern (Gabi Nagel) und Rosenkranz (Sandra Hartwig) stehen augenscheinlich nicht länger in der Gunst Hamlets (Björn Schröder)

Foto: PR