Spätsommerliche Ruhe und eine Ode an St. Pauli
Im Juni 2007 gründete sich mit großem Pomp ein Dachverband für Sachsens freie Theater in Dresden. Doch nun scheint die große Stille ausgebrochen. War alles nur heiße Luft?

 

 

 

„Der Sturm": Prospero (Karl Michael Weber) umgeben von Ariel, der sich im St. Pauli-Theater versechsfacht hat
Andreas Rajchert als Caliban in Jörg Betgers Shakespeare-Inszenierung des „Sturm"

 

Der zauberhafte Karl Michael Weber vom St. Pauli-Ensemble

 

 

 

Da hat man es nun in Dresden nach Jahr und Tag endlich geschafft, eine Art Dachverband der freien Theater ins Leben zu rufen (war ja nicht der erste Anlauf ), hat anlässlich des Theatertreffens Off 07 (vom Kulturamt Dresden und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen finanziell unterstützt) verkündet, so könne man künftig effizienter nach außen auftreten, Land und Kommunen gegenüber, deren Ausgaben für Kultur schließlich defizitär seien und außerdem freiwillig und dann noch die Haushaltskonsolidierung und überhaupt. Und dann ist Ruhe. Ein paar dürre Zeilen verkünden gerade noch irgendwo, das Ganze nenne sich„Landesverband der Freien Theater in Sachsen", wolle die Interessen der frei professionell arbeitenden Künstler gegenüber Politik und Verwaltung vertreten, und nach der Sommerpause habe man die erste Vereinsversammlung. Auf der dann mal die Arbeitsvorhaben beschlossen werden. Ach, und ganz wichtig, die Namen der Gründungsmitglieder lassen sich finden. Nur die Gründungsmitglieder selber nicht – Urlaub, Anrufbeantworter, außerhalb der Galaxis. Vertretungen? Im Urlaub. Pressestellen? Nicht besetzt. Irgendjemand, der irgendetwas sagen kann?„Neeee..." (0-Ton, wirklich)

Mit dem städtischen Kulturamt, das dieses Jahr für Projekt- und Institutionelle Förderung der Darstellenden Kunst über 220.000 Euro in Dresden vergeben hat (also ausschließlich der festen jährlichen Förderung von Einrichtungen), setzte sich bislang niemand vom Landesverband in Verbindung. Da kann die Not so groß nicht sein, ist man versucht zu sagen. Doch sei's drum; die Förderlisten lesen sich jedenfalls wie das Who Is Who der Dresdner freien Szene: Das Rocktheater mit seiner regelmäßig sehr guten Jiddischen Musik- und Theaterwoche ist da etwa verzeichnet oder der großartige Matthias Manz mit „Draußen vor der Tür', einer Inszenierung, die er ins Societaetstheater brachte, norton-commander. productions sind ebenso dabei wie das wunderbare Ensemble der St. Pauli Theaterruine.

Hier die Artenvielfalt zu loben, wäre vielleicht übertrieben, generell lässt sich bei den freien eher noch als bei den städtischen und Staatstheatern eine gewisse Heterogenität feststellen, die sich nicht so abhängig von Trends zeigt. Was aber beiden, den festen und den freien, in der digital geprägten Wahrnehmung der Künstler kaum mehr gelingt, nämlich ohne Zutun der Medien Stars hervorzubringen, ist der St. Pauli-Gruppe um Regisseur Jörg Berger en passant geglückt. Mehrfach. Karl Michael Weber, Jahrgang 1951, ist ganz zweifellos der Star der Truppe, vor allem aber ist er im besten Sinne ein Volksschauspieler, vom Publikum beinah schon abgöttisch geliebt und immer frenetisch gefeiert. Das hat viel mit seiner Interpretation der Figuren zu tun, Sganarell im „Don Juan" z.B. oder seit Juni Prospero in Shakespeares „Sturm', denen er neben koboldhaftem Witz auch den weisen Galgenhumor der Geschlagenen mitgibt und die an Verzweiflung grenzende Stärke des Stehaufmännchens. Vieles davon auch Widerhall seiner eigenen Biographie. Karl Webers ganz große Kunst aber ist das Balance-halten selbst im überschäumenden Spiel, die kleine Geste der Müdigkeit mitten im großen Gelächter, die sich dem Zuschauer tief ins Kopfarchiv brennt. Sein Diener in„Wie es Euch gefällt" gehört zu den seltenen Darstellungen, die man tatsächlich nie wieder vergisst. Und die zum Maßstab werden, an dem sich die ganze Gruppe orientiert. "Team" ist das Wort, das Theaterchef und Regisseur Jörg Berger betont, immer wieder, sich selbst im Gespräch zurücknehmend, und man glaubt es ihm: Selbst wer nur einmal in der St. Pauli-Ruine eine seiner Produktionen gesehen hat, nimmt diesen Eindruck von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit mit (angenehm bescheiden vermeidet Berger es, gleich von „Familie" zu reden), da werden Allüren nicht geduldet, ist jedes Ensemblemitglied auch gefordert im Bühnenaufbau, Kartenverkauf, Einlass, in der Gastronomie ... Und vielleicht liegt indieser (weitgehenden) Abwesenheit der üblichen Eitelkeiten das Geheimnis des andauernden und sich andauernd vergrößernden Erfolges.

Jörg Berger giert nicht nach der globalen Kunstrevolte, seine Regie kann sich die Klassiker leisten, seinem Führungs- und Förderungsstil der Darsteller sind peinliche Pannen wie Fehlbesetzung und Überforderung fremd; und aus seinem gleichermaßen tiefen und weiten Textverständnis, das keine dramaturgische Überheblichkeit braucht, erwächst der gegenwärtige Zeitbezug seiner Inszenierungen ganz selbstverständlich. Das ergibt außergewöhnliches Theater von grandios-furiosem Zugriff, geprägt durch schier unbändige Spielfreude, leidenschaftlich und voll von köstlich aberwitzigen Einfällen, die den Zuschauer jederzeit einbinden können. Selbst wer die Distanz zur Bühne bevorzugt, kann sich diesem gleichsam trunkenen Spiel nicht entziehen, das auch wortgewaltig und wie vom Sprechen besessen zu sein vermag. Die Produktion „Der Zauberflöte zweiter Teil" nach Goethes fragmentarisch überliefertem Libretto dürfte einzigartig sein und zeigt Andrea Rump, einen weiteren Star der Truppe, in ihrer vielleicht intensivsten Rolle am St. Pauli-Theater als Königin der Nacht. Und doch, auch wenn es banal klingt, das ganze Ensemble zusammen ist der eigentliche Star (Nachwuchssorgen kennt die Truppe übrigens nicht), da stimmt einfach alles bis in die kleinste Nebenrolle hinein, das ist groß und bunt und weise, leise und leidenschaftlich. Das ist Theater.

kunststoff Heft 7/200, Autorin: Uta Wiedemann

 

 

Heft 7 2007 kunststoff