Presseartikel
Im Taumel entgrenzter Leidenschaften

Das St. Pauli Theater probt Molieres „Don Juan"/ Premiere am Freitag
Quer über dem steinernen Altar im Chor der St. Pauli Ruine liegt Don Carlos, erschöpft vom Kampf gegen eine Horde aufgebrachter Ruderer. Die haben sich den erstbesten Edelmann gegriffen, denn der, der ihnen den ausgehandelten Lohn schuldet, ist mitsamt der Kasse verschwunden. Das wiederum ist der Mann, der Don Carlos' Schwester Donna Elvira aus dem Kloster entführt, geheiratet und anschließend verlassen hat. Don Carlos hat den Kopf hingehalten ausgerechnet für denjenigen, an dem er sich selbst rächen will. Und was er nicht ahnt: Der steht auf dem Altar direkt neben ihm.

Zu kompliziert? Aber nein, man muss Molieres Komödie „Don Juan" nur nicht von der Mitte her, sondern von Anfang an erzählen, dann löst sich der Knoten schnell von selbst. Und wer wissen möchte, wie die turbulente Story weitergeht, schaut sich das Stück am besten am Freitag zur Premiere in der St. Pauli Ruine an.
Die Probenbedingungen könnten nicht besser sein. Es scheint als hätte der Wettergott alles daran gesetzt, die Unbill des vergangenen Jahres vergessen zu lassen, als die Kirchhruine baupolizeilich gesperrt werden und die Truppe um Jörg Berger die Spielzeit . vorzeitig beenden musste. In diesem Jahr jedoch fügt sich, selbst wenn wegen der Bauverzögerung nur eine Premiere statt der geplanten zwei herauskommen kann, alles zum Besten.

Tagsüber spannt sich ein blauer Sommerhimmel über der Ruine, dazu ein Schirm über dem Regisseur. Die Schauspieler hingegen sind bald in Schweiß gebadet. Ab und zu muss eine Szene dann eben seitenverkehrt im Schatten geprobt werden. Dafür ist die Luft am späten Abend vom Duft der Lindenblüten erfüllt. Genau so muss es für diese Komödie sein, die sich zwar nicht unbedingt romantisch ausnimmt, in der es aber von verzehrender Leidenschaft nur so wimmelt. Und so treten gleich sieben Donna Elviras gegen
Don Juanan und der hat es nicht leicht: erstens die Qual der Wahl bei den Frauen dieser Welt und zweitens die Qual der Sommerhitze in Perücke und Kostüm. Foto: PR
Das sind wirklich starke Momente, wenn der gesamte Kirchraum zum Auftrittsort der verlassenen und sein Don Juans Seelenheil bemühten Damen wird. Wieder und wieder werden diese Szenen geprobt, bis sich ein Rhythmus ergibt, der Text sitzt. Frauenpower!


Regisseur Jörg Burg er sieht den klassischen Typus des Frauen Verführers nicht als Macho. Don Juan will leben und genießen, ist ein Mann mit offenem Herzen und ständig leerer Brieftasche, der die Doppelmoral gesellschaftlicher Konventionen durchschaut. Wie herrlich kindisch solche Konventionen sind, zeigt zum Beispiel eine Fechtszene zwischen den Brüdern Don Carlos und Don Alonso, deren Degen sich im Kampf verbiegen. Was einer gewissen Materialermüdung geschuldet ist, fügt sich jedoch wunderbar in die Gesamtanlage der Szene, in der die Brüder, sich gegenseitig tröstend, zwischendurch auf ihre Kampfwunden pusten. Wir biegen uns vor Lachen.

Nach jeder Eroberung muss für Don Juan die nächste notwendig folgen. Wer Grenzen einreißt, den schickt der Taumel der Entgrenzung auf die fortwährende Suche nach Befriedigung. Und wie bei einer Droge muss die Dosis steigen. Am Ende nimmt es Don Juan sogar mit Himmel und Hölle auf. Doch auch dies wird wieder nur ein Anfang sein, wie Alexander der Große neue Wellen zu entdecken. Wie Jörg Berger allerdings das „Höllenproblem" lösen wird? - Bis zur Premiere wird das schon. Den Himmel, wie gesagt, hat er ja bereits. Cynthia Schwab Premiere „Don Jüan", 28. Juli, 19.30 Uhr in der St. Pauli Ruine, weitere Vorstellungen 29./31. Juli und 1./2. August, 5.8. mit St. Pauli Dinner, jeweils 19.30 Uhr. Karten unter Tel. 0351/2 7214 44.

 




26.07. 2006 - DNN
von Cynthia Schwab