Presseartikel
Zauberflötencocktail in der Theaterruine
Kultur ist was für jeden Tag
Mit diesem Slogan wirbt ein Sender, und tatsächlich prägt Kultur unseren Alltag
umfassend und vermittelt das lebendige Gefühl der Verbundenheit mit dem Gestern. Ein unprätentiöses Beispiel: die Freiluft-Spielstätte im Dresdner Hechtviertel. 1891 als Kirche geweiht, 1945 teilweise zerstört, später von Gemeindemitgliedern beräumt, von der STESAD teilsaniert und seit 1999 vom Verein TheaterRuine St. Pauli e.V. zu neuem
Leben erweckt, bietet die imposante Backsteinruine inzwischen über 100 Veranstaltun-
gen jährlich.

Das alte Gemäuer nimmt Besucher sofort gefangen und die künstlerischen Ambitionen der mehr als 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter und Darsteller ordnen sich der besonderen Atmosphäre unter. Die lauten, technischen Lösungen verbieten sich hier aus verschiedenen Gründen und Regisseur Jörg Berger tut gut daran, mit seinem
Amateur-Ensemble auf vertraute Stoffe zu rückzugreifen.

In der jüngsten Inszenierung geht es um "Die Zauberflöte" oder genauer gesagt um deren 2.Teil. Der stammt aus Goethes Feder und spinnt die Geschichte um Paminas und Taminos Liebe weiter. Nun ist ja schon die Oper überfrachtet mit Erzählebenen,
zusammengehalten durch die geniale Musik von Mozart. Goethe greift die Motive und Personen auf und macht das Neugeborene des Liebespaares zum Zankapfel der Mächte ...

Allerdings schrieb der Dichter dazu nur einen Teil des 1. Aktes auf sowie die Übersicht über die geplanten Szenen. Deshalb lädt das gut aufgelegte Ensemble erst einmal in Gruppen zu einer Wanderung durch die Ruine, wobei in improvisierten Szenen einige Motive und Personen der Zauberflöte in Erinnerung geholt werden. So trifft das Publikum tief im Keller auf eine versoffene Königin-der-Nacht-Darstellerin und absolviert einen Geburtsvorbereitungskurs in luftiger Höhe. Nach einer Pause schwankt die Inszenierung auf der Bühne zwischen Parodie und ernsthafter Deklamation des Goethe-Textes.

Die 13 Darsteller im schwarzen Overall schlüpfen in dekorative Kostümelemente (Ausstattung Tanja Wackwitz) und müssen als Chor wie als Einzelfiguren bestehen.
Gebrochen wird das Spiel durch einen Moderator, der die manchmal schwer verständlichen Zusammenhänge herstellt. Untermalende Stimmung erzeugt die musikalische Bearbeitung von Mario Sollazzo, der dem Ensemble mit Sololiedern, Sprechgesang und
mehrstimmigen Chören einiges abverlangt. Das Gute siegt rechtzeitig genug, um den unterhaltsamen Abend vor Ort mit einem Glas Wein ausklingen zu lassen - Kultur für jeden Tag halt.

Der Zauberflöte zweiter Teil. Fragment von Johann Wolfgang von Goethe, Regie: Jörg Berger. St. Pauii Ruine, www.theaterruine.de. Nächste Vorstellungen:3., 26,-28. Juni



 




Juni 2005 - SAX von Isolde Matkey