Presseartikel
Goethe - hier: begeisternd, betörend, berauschend
"Der Zauberflöte zweiter Teil" in der St. Pauli Ruine
Nach dem fragmentarisch überlieferten goetheschen Libretto zu einem zweiten Teil der "Zauberflöte" entstand diese Eigenproduktion der St. Pauli Ruine. Die Regie setzt dabei wesentlich auf die Leidenschaft des Ensembles und die spektakulären inszenatorischen Möglichkeiten, die sich durch die Ruine selbst bieten. Und das geht auf. Selbst wer eine gewisse Distanz zwischen Zuschauer(reihe) und Bühne bevorzugt, kann sich diesem wortgewaltigen, gleichsam vom Sprechen besessenen, vor Einfällen trunkenen Spiel nicht verschließen.
Auf fünf Bühnen, treppauf, treppab durch die gesamte Ruine, wird das artig in Gruppen eingeteilte Publikum auf die Dinge, derer es harrt, vorbereitet: Das hochvergnüglich
re-duzierende Puppenspiel frischt die Erinnerung an die Mozart-Oper auf, ein Hechelkurs (!) bereitet auf die Geburt des Nachwuchses vor, den Pamina und Tamino erwarten.
Olaf Nilsson, mit außerordentlichem Improvisationstalent gesegnet, gestattet herrlich nölend im Tempel der Weisheit einen Einblick in priesterliche Kümmernisse und, ach, die Wunschbox erst, die ist zu schön, um hier verraten zu werden. Im Keller schließlich, nur von Kerzen beleuchtet, begegnet den Zuschauern die Königin der Nacht.

Diese Konstellation des Tiefen, Dunklen als Metapher nutzend, setzt Regisseur Jörg Berger dem oberirdischen lustvoll-schrägen Geschehen den Monolog einer gealterten Theaterdiva entgegen. Andrea Rump verleiht dieser Figur, die aufgerieben wird von
gesellschaftlichen, von existentiellen Zwängen, menschlichem Versagen und eigenem Glücksanspruch, eine beängstigende Authentizität und führt eine ganz andere Lesart des Stoffes vor, eine, die die Königin der Nacht rehabilitiert und als Geschlagene männlichen Machtkalküls zeigt.

Diese Ernsthaftigkeit aufgreifend, wird nun gut ausbalanciert zwischen verhaltenem und aufgedrehtem Agieren auf der Hauptbühne der zweite Teil erzählt, der davon kündet, wie die Königin der Nacht Paminas und Taminos Kind entführt, wie dieses ehemals harmo-nische Paar Entfremdung und Lethargie erfährt und sich erst in deren Überwindung Zukunft schafft.

Der St. Pauli Ruine ist mit dieser Inszenierung etwas ganz Seltenes gelungen: Aus der Aufnahme und Bearbeitung verschiedener Traditionen, etwa die ans Kultische gemahnende und die des Moritatensängers, haben Regisseur und Ensemble auf furiose Weise etwas Neues geschaffen, eine in ihrer Grenzenlosigkeit einzigartige Kunstform, am besten "interaktiv-multiples Theater" zu nennen.

Regie: außergewöhnlich
Darsteller: ansteckend leidenschaftlich
Inszenierung: grandios

 




Juni 2005 - Dresdner von Uta Wiedemann