Presseartikel

Der eigenen Provokation zum Opfer gefallen
Uta Pilling und Jens-Paul Wollenberg in der Theaterruine
Ursprünglich war für letzten Samstag in der Theaterruine "Rübsams Reisen" (Jean Paul) mit Ingeborg Freytag und Jens-Paul Wollenberg angekündigt. Doch da Ingeborg Freytag leider verhindert war, gab Wollenberg zusammen mit der Leipziger Künstlerin Uta Pilling eigene Werke zum Besten. Eigentlich fing der Abend ganz gut an: Uta Pilling sang kabarettistische Chansons, die sie wirklich wirklich vorzüglich interpretierte: Die Mischung aus Pathos und ironischer Distanzierung ließ an gelungene Brecht-Interpretationen denken, auch wenn die Liedtexte von ganz anderem Stil waren, man könnte sie neo-expressionstisch nennen, oder einfach: im Wollenberg-Stil geschrieben:gewöhnungsbe-dürftig, aber nicht schlecht.
Wollenberg las dann einen seiner ironischen kürzeren Texte, in dem er sich scheinheilig über die Moderne beklagte: "Früher gab's ja kein Telefon. Wenn man jemandem eine Nachricht hinterlassen wollte, hat man ihm einen Zettel an die Tür gehängt oder Steinchen ans Fenster geworfen." Dann kündigte Wollenberg seine Geschichte "vom einsamen Selb" an und drohte scherzhaft damit, er werde so lange lesen, bis sich das Theater ganz geleert habe. Das Publikum hielt das zuerst für einen Witz, dann reagierte es tatsächlich so, wie der Autor es provoziert hatte.
"Selb" ist nicht nur eine Kleinstadt in der Nähe, der tschechischen Grenze, sondern auch eine Chiffre des Ich-Erzählers, der mit sich "selbst unzufrieden ist, weil er eben einsam ist. Der Protagonist gerät in einen Streit mit seinem Spiegelbild, dann ist er schließlich sein "Schatten, der sein Originalbild wirft", schließlich begegnet er seinem Selbst tausendfach gespiegelt wieder. Alles Metaphern für die Einsamkeit des modernen Menschen, die Be-liebigkeit und Wiederholbarkeit des Alltäglichen im Zeitalter der "Einschaltquoten". Ganz gute Ideen eigentlich, aber das wird zehntausendfach durchgekaut, ausgewalzt und wieder-gekäut, bis auch noch die letzte Metapher breitgetreten und endgültig plattgemacht wurde. Wer das nicht erlebt hat, wird nicht glauben, dass man eine Erzählung, die auf guten Ideen beruht, dermaßen zugrunde richten kann. Aber, bei Lichte besehen, beruht fast jede schlechte Erzählung auf guten Ideen. Es ist immer die Ausführung, die zu wünschen übrig lässt.
Aufgrund der übrigen Umstände und des professionellen Vortragsstils muss man davon ausgehen, dass es sich um eine einfach misslungene Erzählung eines ansonsten nicht untalentierten Künstlers handelt. Wollenberg bedankte sich dann bei den wenigen Zuschauern, die bis zum Schluss ausgehalten hatten, und Frau Pilling nahm den Applaus entgegen, der ihr und nur ihr galt - das wusste das Publikum unmissverständlich deutlich zu machen. Schade, aber der nächste Vortrag Wollenbergs wird sicher besser werden... Er kann nur besser werden!


 


09. 08. 2004 - DNN
von Thomas Fekl