Presseartikel

Ein Sommernachtstrauni, der mit Regen beginnt, mag kein gutes Zeichen sein. Aber wen stört das schon bei der Theaterruine zu St.Pauli, die auch in diesem Sommer wieder mit allerhand Engagement ein buntes und umfassendes Programm bestreitet, das in jedem Jahr an Umfang und Reife zu gewinnen scheint. Und so war es dem Regen dann wohl auch zu blöd, dass die Leute seiner Anwesenheit trotzend an der Kasse in froher Erwartung Schlange standen, um sich ein besonderes Mittsommer-Nacht-Erlebnis zu gönnen, und er verzog sich, noch bevor der erste Liebestrunkene die Bühne betrat.

Ein passend zum Anlass hergerichteter Innenraum mit grünen Ranken, kleinen
Lichterketten und vielen Begrüßungs-Gläsern roten Zaubertranks sind wie immer bescheidene, aber ebenso großartige und liebevolle Hinweise auf die Lust am Sommerspiel, der man an diesem Ort zum wiederholten Male begegnen kann. Da strahlt auch Regisseur und Vereinsvorständler Jörg Berger wie ein Johannisnacht-Lampion und hält das Publikum nicht lange mit Begrüßungsreden auf.

Das Spiel beginnt recht frei nach Shakespeare versteht Hauptrolle: Puck sich und ganz in der etwas harmlosen, andererseits ausgesprochen unterhaltsamen Art und Weise der typischen St. Pauli-Inszenierung..
Tanja Wackwitz ist mit ihren schlichten und doch immer wieder phantasievollen Kostümen ebenso eine alte Bekannte hier. Wie Farbtupfer hinterlassende Irrlichter springen Feen und Elfen kreuz und quer durch die Ruine, so dass nach Möglichkeit jeder Zuschauer mittendrin sitzt -nur der Wind allein macht dem guten Verstehen an diesem oder jenem Platz etwas zu schaffen. Shakespeares Humor ist in dieser Inszenierung aufs Luftige reduziert, zauberhaft soll der Abend sein und ist es, das Verwirrspiel um Hermia, Helena, Lysander und Demetrius nimmt zügig seinen Lauf, schnell sind die Zauberkräuter von Puck, der durch Barbara Reinhardt endlich einmal einen angemessen frechen Anstrich bekommt, gefunden und ausgeteilt, und das Chaos ist nicht aufzuhalten.

Mit netten Regie-Einfällen gespickt, die allerdings auch ruhig mal etwas mutiger und schräger ausfallen könnten (das sollte man sich in einem solch lebendigen Kollektiv doch trauen können) balanciert Jörg Berger das Stück zwischen dem Zauber des Shakespeare-Textes, einem Märchenspiel und einem kräftigen Schuss Klamauk so aus, dass wohl kaum eine in Sommernachtsträume gewickelte Zuschauerseele unbefriedigt bleibt.

Schauspielerisch überzeugen vor allem Anke Pokorny-Kropp als Hermia (hier wird neben dem für ein solch lockeres Stück Theater unumgänglichen Typus sogar ein ansatzweise ausgeprägter Charakter sichtbar) und Olaf Nilsson, dem die Rolle des Elfenkönigs Oberen mit Verlaub auf den Leib geschneidert zu sein scheint. Man muss kaum erwähnen, dass bei so viel Turbulenz um Liebeswirren auch alle anderen einen ganzen Einsatz leisten. Wer für den frivolen Zauber einer lustigen Sommernacht etwas übrig hat, sich für nichts zu schade ist und überhaupt eher süße, aber nicht zu starke Theater Cocktails mag, ist hier mal wieder genau richtig. Hut ab vor dieser Freiluft-Energie.

Norbert Seidel

Foto: Theater - Olaf Nilsson (Oberen) und Barbara Reinhardt (Puck)

 




Juni 2003 - DNN
von Norbert Seidel